
Der Untergang des Königreiches
beider Sizilien
unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Großbritanniens
Der Untergang des Königreiches beider Sizilien unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Großbritanniens
„Die Geschichte kann fürwahr ein rühmlicher Krieg gegen die Zeit genannt werden, denn sie entwindet ihren Händen die Jahre, ihre Gefangenen, die eigentlich schon Leichname geworden sind, ruft sie ins Leben zurück, hält Musterung ab und stellt sie aufs Neue in Schlachtordnung auf. Freilich erfassen die vortrefflichsten Chronisten, die auf dieser Walstatt Messen des Sieges und Ruhmes abhalten, allein die prunkvollsten, glänzendsten Beutestücke, indem sie mit ihren Tinten lediglich die Unternehmungen der Fürsten, Mächtigen und Standespersonen einbalsamieren und mit den feinsten Nadeln ihres Geistes aus Fäden von Gold und Seide ein unvergängliches Gewebe glorreicher Taten sticken“( Manzoni 2003:7).
Dieses einleitende Zitat aus den Promessi Sposi von Alessandro Manzoni führt bereits in medias res der vorliegenden Arbeit (vgl. Pellicciari 2000:9). Besonders auf die nationalstaatliche Geschichte Italiens scheinen diese Zeilen zuzutreffen. Jahrzehntelang war es in Italien an der Tagesordnung, die Protagonisten der Geschichte in die Guten auf der einen Seite und in die Bösen auf der anderen Seite einzuteilen (vgl. Corriere della Sera, 07.05. 2000). Die Guten waren die Gründungsväter Italiens aus der Epoche des Risorgimento, wie das Haus Savoyen, Cavour, Mazzini und Garibaldi. Das Schlechte wurde von den Bourbonen oder Pius IX verkörpert (vgl. ebd.). Die Geschichte war dogmatisch und indiskutabel. Lange Zeit war es verboten oder zumindest aufs Äußerste politisch inkorrekt schlecht über Garibaldi[1] zu sprechen (vgl. Corriere della Sera, 27.06.1999). Die Verunglimpfung des „Heldens zweier Welten“ wurde mit der Beleidigung des Nationalstaates gleichgesetzt. Doch nun kehren die „Leichname der Geschichte“ aus der Zeit des Risorgimento wieder ins Leben zurück und werden aufs Neue gemustert.
„Nach Jahrzehnten des historiographischen und kulturellen Samizdat begann Ende der neunziger Jahre die Mauer des Schweigens, die die Legende des Risorgimento beschirmte, zu schwanken, zu bröckeln und tosend einzustürzen“ (Morgani, in Nicoletta 2001:5).
Zwischen den Zeilen der offiziellen euphemistischen Geschichte aus der Feder der Chronisten, die mit „den feinsten Nadeln ihres Geistes ein aus Fäden von Gold und Seide unvergängliches Gewebe glorreicher Taten stick(t)en“, existiert noch eine andere, gegen den Strom schwimmende Geschichte, die zuerst das Haus Savoyen, später dann der Faschismus ersticken wollte (vgl. Del Boca 2001:250). Das Dogma des „mai parlare male di Garibaldi“ hatte zur Konsequenz, daß der Freiheit der Forschung der Knebel angelegt und die Wahrheit versteckt wurde (vgl. ebd.:251). Das Italien von heute scheint mit dem Blick auf seine Vergangenheit nicht auf den Ort seiner Wurzeln und Traditionen zurückzuschauen, sondern auf ein nicht enden wollendes Schlachtfeld (vgl. Corriere della Sera, 07.05. 2002). Es scheint fast so, daß das „aus Fäden von Gold und Seide gestickte unvergängliche Gewebe glorreicher Taten“ die Fäden eines Nessushemdes für Italien darstellt. Italien krankt bis zum heutigen Tage an der Art und Weise seiner Einheit. Die Questione Meridionale, der Gegensatz zwischen Pollentroni und Terroni und der Leghismo des Nordens sind Symptome dieser Krankheit. So lange Italien diese Fäden im Gewand seiner nationalen Geschichte trägt, wird es für viele Mißstände keine Heilung und für viele Konflikte keine Lösung geben. Daher fordert Francesco Maria Agnoli:
“Wir brauchen eine Reinigung unserer nationalen Erinnerung, wenn wir als italienisches Volk von unseren endemischen Übeln, wie die Korruption, die unsere nationalstaatliche Geschichte durchzieht, geheilt werden wollen. (...) Es geht nicht darum, die nationale Einheit in Frage zu stellen. Es ist aber notwendig, die dunklen Seiten der Alben unser Geschichte als Einheitsstaat wieder aufzuschlagen, um die Erinnerung zu reinigen“(Internetquelle II).
Die sich in der „neuen Schlachtordnung“ gegenüber stehenden Lager lassen sich in die Apologeten des Risorgimento auf der einen Seite und die sogenannten Revisionisten auf der anderen Seite unterscheiden. Maurizio Blondet charakterisiert das Wesen der Strömung der Revisionisten: „Sie wagen es, das Risorgimento in wenig sympathischem Licht erscheinen zu lassen, sprechen schlecht über Garibaldi, aber gut über Pius IX und zeichnen die Vereinigung mit dem Süden als erzwungene Annexion mit Gemetzeln, Verfolgungen und Korruption (vgl. Internetquelle III). Die Revisionisten zeigen die dem Risorgimento innewohnende Problematik auf:
“Von der Geschichte des Risorgimento ist vor allem der Mythos überliefert worden, während viele Ereignisse aus dem einfachen Grund nicht weitergeben wurden, daß man das strahlende Bild der nationalen Einigung nicht beschmutzen wollte, das die Liberalen und Freimaurer postuliert haben“ (Internetquelle II).
Im Lager der Apologeten begegnete Alessandro Galante Garrone der „Rückkehr der Besiegten der Geschichte”, die er als „fanatische, reaktionäre und sanfedistische Kräfte“ brandmarkte, mit einem von 66 Intellektuellen unterzeichneten Aufruf zu einer neuen Resistenza (vgl. Internetquelle IV). Der von diesen Kräften ausgehende Versuch das Risorgimento mit samt seinen besten Männern zu diskreditieren und die geschichtliche Wahrheit zu verzerren sei eine inakzeptable Provokation für Italien (vgl. ebd.).
Die Geschichtsschreibung des Risorgimento stellt keine Ausnahme zu der Regel dar, daß in der Geschichte vieler Nationalstaaten oft die Wahrheit geopfert wird (vgl. Colacino u.a. 2001:21). In Italien trifft dies am deutlichsten auf das ehemalige Königreich beider Sizilien zu, das in den dunkelsten und schrecklichsten Farben gemalt wurde, um den Prozess der nationalen Einigung zu rechtfertigen und zu glorifizieren (vgl. ebd.). Das Königreich beider Sizilien wurde mit der schlimmsten aller Strafen, der Damnatio memoria, belegt. Den Nukleus der Verurteilung zum Vergessenwerden bildet Ferdinand II. Analog zur altrömischen Praxis wurde sein Andenken verdammt, die Trauer um ihn verboten, Waffen und Wappen zerschlagen, sein „Haus“ verwüstet und die ewige Infamie aus präventiven Gründen auf seine Nachkommen übertragen. Daher finden sich Spuren des ehemaligen Königreichs beider Sizilien heute nur noch spärlich. In der Umgangssprache haben „esercito di franceschiello[2]“ und das Adjektiv „borbonico“ einen deutlich pejorativen Stellenwert. Wo auch immer etwas als rückständig, unterentwickelt oder korrupt beschrieben werden soll, kommt das Adjektiv borbonico leicht über die Lippen (vgl. De Biase 2002: 147 / Nicoletta 2001:81).
Während die italienischen Könige Vittorio Emanuele I und Umberto I mit den Beinamen „Re Galantuomo“ und „Re Buono“ in die Geschichte eingingen, kennt man Ferdinand II gemeinhin nur noch als „Re Bomba“, der Messina bombardieren ließ[3].
Während das kulturelle Erbe Italiens mit den Attributen Farnese, Gonzaga, Sforzesca, D´Este etc. gekennzeichnet wird, dient borbonico bestenfalls zur Kennzeichnung von Kerkern. Niemals würde bei einer Besichtigung des Bourbonenschlosses Caserta das Wort „bourbonisch“ fallen. (vgl. Internetquelle V).
Während man in jeder noch so kleinen italienischen Ortschaft zumindest in einer Via Garibaldi oder Via Cavour spazieren gehen kann oder die Piazza sogar eine Garibaldi- Statue aufweist, so gibt es nur in zwei süditalienischen Kommunen, nämlich in Battipaglia und Scafati eine Statue Ferdinands II (vgl. De Biase 2002:143).
Betrachtet man mit kritischem Blick die Nischen der Fassade des Palazzo Reale in Neapel, in denen acht Figuren derjenigen Dynastien zu bestaunen sind, die den Thron von Neapel inne hatten, so stellt man leicht fest, in wessen Auftrag diese Anordnung vorgenommen wurde. Zwischen Murat und Vittorio Emanuele III steht nach dem Willen der Auftraggeber, dem Haus Savoyen, kein Bourbonenherrscher wie Ferdinand II.
Entlang der ehemaligen Grenze des Königreiches beider Sizilien und des Kirchenstaates stößt man noch heute vielerorts auf steinerne Zeugen zweier untergegangener Reiche (vgl. Abbildung I). Insgesamt waren es 686 Grenzpfosten, die diese beiden preunitarischen Staaten auf der italienischen Halbinsel von einander trennten. Gemäß einem 1840 unterzeichneten Vertrag zierten zwei Schlüssel und das Jahr der Errichtung die Seite des Kirchenstaates und die stilisierte Lilie die Seite des Königreiches beider Sizilien. Die Nummern des Königreiches beider Sizilien verliefen von 1 bis 649 mit einigen Wiederholungen nach Norden ansteigend.
Die Blickrichtung dieser Arbeit wendet sich der stilisierten Lilie, sprich nach Süden, auf das Königreich beider Sizilien [4] zu.
Abbildung I: Grenzpfosten zwischen dem Königreich beider Sizilien und dem Kirchenstaat
![]() |
![]() |
![]() |
II) „Garibaldi pesca la Trinacria”(Garibaldi fischt die Trinacria)
Die vorliegende Arbeit findet ihren Ausgangspunkt in einer aus unbekannter Hand stammenden Karikatur, die heute im Saal 19 des Museo del Risorgimento in Turin einen würdigen Platz gefunden hat. Vor dem Hintergrund dieser Karikatur, die den Titel „Garibaldi pesce la Trinacria“ trägt, entfaltet sich das der Arbeit zugrundeliegende Forschungsinteresse.
|
Abbildung II: Garibaldi fischt die Trinacria |
![]() |
|
Quelle: Das Bild
wurde dem Verfasser der
vorliegenden Arbeit von dem
italienischen
Maler Cuono Gaglione zur Verfügung gestellt. |
In der Karikatur sind alle zentralen Akteure des Risorgimento vertreten. Giuseppe Garibaldi wird mit einer Angel in der Hand dargestellt, an deren Haken die Trinacria[5], das Symbol Siziliens, hängt. Knapp unter der Wasseroberfläche sind drei weitere Symbole dargestellt, die bereits die Richtung weiterer Fischzüge anzeigen. Es sind die zur italienischen nationalstaatlichen Einigung noch fehlenden Gebiete: Das Pferd symbolisiert Neapel, die Schlüssel den Kirchstaat und der Löwe Venedig. Camillo Cavour hat ebenfalls einen erfolgreichen Fischzug hinter sich, der ihm die kleinen Fische (pesciolini) Modena, Milano und Como eingebracht hat. Auf dem Wasser ist der britisch-französische Antagonismus im Allgemeinen im Mittelmeer und im Besonderen um Sizilien dargestellt. Von einem Boot aus hindert das allegorisch dargestellte Frankreich das britische Einhorn daran, sich Siziliens zu bemächtigen. Auf dem Boot liegen zwei Fische, die Nizza und Savoyen darstellen. Diese Gebiete hatte Frankreich im Tausch gegen die Unterstützung der italienischen Sache erhalten. Wichtig zu erkennen ist, daß sowohl Frankreich, als auch Großbritannien vom Wasser aus versuchten, sich Siziliens zu bemächtigen. Dies unterstreicht die enorme strategische Bedeutung Siziliens:
„Diese beiden Seemächte stritten von Anfang an um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum. Das ist der Grund, warum sich Frankreich und England immer in die inneren Angelegenheiten des Königreichs beider Sizilien eingemischt haben“ (vgl. Internetquelle VII).
Das zentrale Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, wie die Trinacria an den Haken der Angel von Giuseppe Garibaldi kam. Historische Erklärungsansätze, die auf dem Boden des Risorgimento-Mythos stehen, können nicht überzeugen. Zwar hat Garibaldi und sein zur Legende gewordener „Zug der Tausend“ Sizilien historisch unwiderlegbar erobert, doch kann dieser Triumph nicht mit den militärischen Fähigkeiten Garibaldis und dem Heldenmut seiner Rothemden befriedigend erklärt werden.
Del Boca wirft zu Recht die Frage auf:
„Warum ist eine derart zusammengewürfelte Armee Brancaleoni nicht vom bourbonischen Heer dahingemetzelt worden, das als eines der besten und am besten ausgestattetsten Heere galt und den 1000 Rothemden bei weitem an Kampfeslust und Ausbildung überlegen war?“ (Del Boca 2001: 59).
Betrachtet man die zahlreichen Ölgemälde über die sogenannte spedizione dei mille, so sticht sofort ins Auge, daß es sich eher um einen „Jagdausflug“, als um ein schwieriges militärisches Unternehmen gehandelt hat[6].
Lorenzo Del Boca stellt die These auf, daß:
“es keine Eroberung des Königreiches beider Sizilien gegeben hätte, wenn sich nicht die englischen Interessen mit denen der meridionalen Mafia vereinigt, und wenn, die einen und die anderen, nicht die aufständische Bewegung finanziert und unterstützt hätten. Nicht für die Tricolore oder für die italienische Sache. Einfach nur aus dem Grund heraus, daß ihre Interessen nicht mehr mit der bourbonischen Monarchie vereinbar waren. Daher mussten diese Könige vom Thron gestürzt werden, um sie zu ersetzen (Del Boca 2001:59). Der Erfolg des „Zug der Tausend“ war die Frucht einer sorgfältigen Vorbereitung (vgl. Internetquelle VIII). Die vorliegende Arbeit versucht die einzelnen Glieder einer langen Kette von vorbereitenden Maßnahmen aufzuzeigen.
Der engere Fokus dieser Arbeit liegt auf den englischen Interessen und der durch England gewährten Unterstützung.[7] Die zentralen Fragen lauten also:
Welche Beweggründe hatte Großbritannien, um den Sturz des Königreichs beider Sizilien nicht nur zu begrüßen, sondern auch aktiv zu unterstützen?
Welches Motivgemenge steckt hinter der britischen Begünstigung der piemontesischen Annexion des Königreichs beider Sizilien?
Im Hinblick auf die Thematik der Intervention soll herausgearbeitet werden, mit welchen Mitteln Großbritannien interveniert hat.
III) Der Begriff der Intervention
Zunächst soll der Begriff der Intervention definiert werden. In Anlehnung an Schraeder ist eine Intervention „the calculated use of political, economic and military instruments by one country to influence the domestic or the foreign policies of another country“(Schraeder 1992:3). Begriffsdefinitionen, die ausschließlich am Extremfall der militärischen Intervention orientiert sind, erscheinen wenig dazu geeignet, das breite Spektrum des Interventionsbegriffes abzudecken und sein Wesen zu erschließen. Interventionen können sich auch in Form von Wirtschafts- und Militärhilfe, massiver Propaganda, ökonomischen Sanktionen, Geheimdienstoperationen oder der Unterstützung für einheimische Insurgenten manifestieren (vgl. Osterhammel I.E.:73). Beim Versuch einer Definition stellt sich grundsätzlich die Problematik der Abgrenzung an den beiden Rändern: Zum einen ist es schwierig abzugrenzen, wo die Grenze zu einem regelrechten Krieg verläuft und zum anderen ist es nicht einfach zu definieren, wann die Schwelle geringer Verwicklungen von nur schwacher Intensität (involvement oder interference) überschritten wird. Gemäß Jürgen Osterhammel sind alle Interventionen durch eine doppelte Asymmetrie gekennzeichnet (vgl. ebd. 74). Interventionen setzen ein allgemeines Machtgefälle voraus. Des Weiteren sind die Folgen einer Intervention asymmetrisch. Während ein Krieg tiefgreifende Auswirkungen auf beide / beziehungsweise alle Beteiligten hat, trifft die volle Schwere der Intervention nur den Zielstaat (vgl. ebd.). Der Zielstaat wird niemals in der Lage sein, über Abwehr und Widerstand hinaus zum Gegenangriff überzugehen (vgl. ebd.). Intervention ist also niemals eine Form des Umgangs unter Gleichen (vgl. ebd.) Osterhammel unterscheidet vier Typen der Intervention, mit dem Hinweis darauf, daß diese Typologie mit einem guten Maße an Vereinfachung und Willkürlichkeit behaftet ist (vgl. ebd.:75). Im Folgenden wird die Typologie kurz vorgestellt:
Der Typus der besitzergreifenden Intervention war jahrhundertelang das zentrale Instrument zur Expansion des imperialen Herrschaftsgebietes (vgl. ebd.:76). Instabilitäten wurden oft dazu ausgenutzt, um von „informaler Herrschaft“ zu „formaler Herrschaft“ überzugehen. Es war keine Seltenheit, daß diese Instabilitäten manipulativ herbeigeführt wurden (vgl. ebd.). In der Terminologie von Osterhammel waren die Briten „Meister“ solcher Manipulationen (vgl. ebd.). Durch ein reiches Arsenal an Destabilisierungstechniken wurden Gebiete für einen „imperialen take-over“ vorbereitet (vgl. ebd.). Zweck der besitzergreifenden Intervention ist die Annexion oder längerfristige Okkupation eines fremden Gemeinwesens. Häufig geht ihr der Zusammenbruch bewährter Koalitionsbeziehungen voraus, die die Sicherheitsinteressen und Wirtschaftsinteressen billiger sichergestellt haben, als formaler Kolonialismus. Im Falle der britischen „reluctant imperialists“ der Freihandelsära (etwa 1820 bis 1870) bestand vor dem Hintergrund eines weit verbreiteten Anti-Annexionismus und Anti-Interventionsimus die Notwendigkeit, die wirklichen Hintergründe einer Intervention durch Legitimationsbemühungen zu verschleiern (vgl ebd.). Sowohl englische, als auch französische Großmachtsambitionen verbanden sich elegant mit der Verbeugung vor dem philanthropischen Zeitgeist (vgl. Osterhammel 2001: 305). Nackter Egoismus erschien oft im Gewand der humanitären Notwendigkeit, das stets die wahren Hintergründe einer Intervention kleidsam verhüllte. Besonders willkommene Rechtfertigungen waren symbolische Provokationen (vgl. ebd.:78). Der Schlag mit dem Griff eines Pfauenfederwedels, den der seinerseits zuvor heftig beleidigte Dey Hussein von Algier am 29.04.1827 dem französischen Konsul Pierre Daval versetze, bildete den willkommen Anlaß zur französischen Eroberung Algeriens (vgl. ebd.).
Der zweite Typus imperialer Intervention ist die sogenannte Bick-Stick-Intervention (vgl ebd.:79). Diese Form der Intervention wird als eine zeitlich begrenzte Ordnungsmaßnahme zur Wahrung klar definierbarer Interessen gesehen. Sie zielt daher nicht auf die Errichtung dauerhafter Kolonialherrschaft ab, sondern dient der Sicherstellung der eigenen Interessen (vgl. ebd.). Ein häufiges Begründungsmuster dieser Intervention ist die Sicherung des Lebens von Staatsangehörigen und ihres Eigentums sowie die Gewährleistung freier wirtschaftlicher Betätigung (vgl .ebd.). Diese Sicherung soll auf indirektem Wege durch befreundete einheimische Regierungen garantiert werden. Diese Intervention dient der Beseitigung feindseliger Staatsautoritäten und der Installation bzw. Stützung von Kollaborationsregimen (vgl. ebd.:80). Eine indirekte Big-Stick Intervention erfolgte 1953 durch den konspirativ von Großbritannien und den USA vorbereiteten Sturz des Ministerpräsidenten der iranischen Nationalen Front, Muhammed Mussadiq (vgl. ebd.). Mussadiq hatte 1951 die Anglo-Iranian Oil Company, die Vorläuferin von British Petroleum (BP), verstaatlicht. An seiner Stelle wurde der Shah Reza Pahlevi installiert, der ein zuverlässiger Verbündeter war. Big-Stick-Interventionen sind realpolitisch motiviert und verfolgen eigene Wirtschaftsinteressen (vgl. Osterhammel 2001:309).
Der dritte Typus der Intervention ist die sezessionistische Intervention zugunsten nationaler Unabhängigkeitsbewegungen (vgl. Osterhammel I.E.:84). Im 19. Jahrhundert wurde in
liberalen Kreisen, insbesondere in britischen, darüber diskutiert, inwiefern es grundsätzlich gerechtfertigt sei, kleineren Völkern bei ihrem Versuch Beistand zu leisten, aus „Völkergefängnissen“ zu entkommen (vgl. ebd.:85). John Stuart Mill hat diesen Diskurs in seiner 1859 veröffentlichten Schrift „On Intervention“ verarbeitet. Mill vertrat die Auffassung, daß eine Intervention zugunsten eines unterdrückten Volkes moralisch gerechtfertigt sei, wenn in diesem Volk ein unterdrückter Freiheitswille existiere und die Intervention als Geburtshelferin politischer Unabhängigkeit dienen könne (vgl. ebd.:85). In seinem Gedankengebäude war eine befreiende Intervention eine Gegen-Intervention gegen die Unterdrückung des freiheitssuchenden Volkes durch seine eigene Imperialmacht (vgl. ebd.). Besonders im griechischen Freiheitskampf wurden die Merkmale einer sezessionistischen Intervention deutlich. Dank der teils politisch, teils kulturnostalgisch motivierten philhellenischen Agitation baute sich in der europäischen Öffentlichkeit ein Interventionsdruck auf (vgl. ebd.). Hier spielte zum ersten Mal die Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle (vgl. ebd.).
Der vierte Typus der Intervention ist die humanitäre Intervention sensu strictu (vgl. ebd.:89). Dieser Interventionstypus ist nicht von egoistischen Absichten nationaler Machterweiterungen oder Interessenwahrung motiviert, sondern nur durch die Absicht die Bevölkerung eines Staates vor dessen eigener verbrecherischer Regierung zu schützen (vgl. ebd.). Da aber internationale Akteure nahezu per definitionem partikulare Interessen verfolgen und selbst bei universalistischer Rhetorik kaum entgegen ihrem machtpolitischen Egoismus handeln, hat es in diesem Sinne nur äußerst selten humanitäre Interventionen gegeben (vgl. ebd.).
Osterhammel verweist darauf, daß sich in der historischen Wirklichkeit eine große Menge von Kombinationen findet (vgl. ebd.:75). Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird herausgearbeitet, welche Interventionstypen dazu geeignet sind, den Untergang des Königreichs beider Sizilien zu erklären.
IV) Der englische Imperialismus
„Das sogenannte Risorgimento war nichts anderes, als eine Episode des englischen Imperialismus“ (Socci, in Nicoletta 2001:49).
Für die britischen Politiker des viktorianischen Zeitalters stellte es eine Selbstverständlichkeit dar, die Sicherung der ökonomischen Interessen Großbritanniens im Ausland als eine der wichtigsten Aufgaben der Außenpolitik zu betrachten (vgl. Bierschenk 1977:52 ). Eine Reihe von Aussagen bedeutender britischer Staatsmänner kann dieses Primat der Sicherung des Handels verdeutlichen. Pitt konstatierte nüchtern, daß britische Politik schlichtweg britischer Handel sei (vgl. Platt 1968:VIII, zitiert in Bierschenk 1977:52). Lord Palmerston[8] erklärte 1834 in einer Rede im britischen Unterhaus, daß dem britischen Außenminister Gleichgültigkeit gegenüber Handelsinteressen zu unterstellen, gleichbedeutend wäre, ihm den gesunden Menschenverstand abzusprechen (vgl. Webster 1951:751f, zitiert in edb.:52). Granville erklärte 1851 anläßlich der Übernahme der Amtsgeschäfte des Außenministers, daß es eine der ersten Pflichten einer britischen Regierung sein muß, dem Außenhandel die nötige Sicherheit zu verschaffen, die er zu seinem Erfolg braucht (vgl. Platt 1968: XV, zitiert in ebd.:52). Besonders deutlich wird das Verhältnis politischer und ökonomischer Interessen durch die folgende Aussage Disraelis 1842 im Unterhaus:
„Wenn ein geschäftliches Interesse überhaupt irgendeine Bedeutung besitzt, ist es auch ein politisches Interesse, und in einem Land, in dem der Handel eine der Hauptquellen des nationalen Wohlstandes und die Grundlage der Staatseinnahmen ist, stellt ein geschäftliches Interesse ein politisches Interesse ersten Ranges dar“ (vgl. Platt 1968: XVI, zitiert in ebd.53).
Gladstone postulierte 1855:
„Der Erlaß unweiser und schlechter Gesetze im Ausland kann die Ausdehnung unseres Handels ernsthaft einschränken und behindern [...]. In Hinsicht auf eine Kolonie[9] besteht eine derartige Gefahr nicht (vgl. Shaw 1970:21f, zitiert in ebd.:52).
Am 01. März 1848 gab Palmerston deutlich zu erkennen, daß für ihn Freundschaften und Feindschaften in der internationalen Politik nicht durch Prinzipien, sondern durch den für Großbritannien absehbaren Nutzen bestimmt werden (vgl. Wentker 1991:23).
„We have no eternal allies, and we have no perpetual enemies our interests are eternal and perpetual, and those interests it is our duty to follow (vgl. ebd.)”
Die Leitidee der britischen Politik war nicht an filanthrophischen, moralischen Wertmaßstäben orientiert, sondern an der Ausdehnung und Verstärkung der eigenen Macht (vgl. Campolieti 2001:29). Italien, Griechenland, das Osmanische Reich und der nordafrikanische Küstenstrich waren im Fokus der britischen Außenpolitik und die British Navy verlieh den diplomatischen Bemühungen häufig Nachdruck (vgl. Thomson 1989:52). Der Schutz der Handelsrouten und das Wohlergehen der britischen Staatsbürger in diesen Gebieten waren die vorrangigen Ziele (vgl. ebd.). Im House of Commons wurde nahezu täglich auf die Wichtigkeit des Handels mit Indien und die Entwicklung und Sicherung von Seewegen durch das östliche Mittelmeer hingewiesen (vgl. ebd.). Die Bedeutung der Mittelmeerinseln Malta und Sizilien wuchs vor diesem Hintergrund.
„There is little doubt that the British government had more than a passing interest in the movements of foreign ships along the Mediterranean coastline“(vgl. ebd.:54).
Über den Köpfen der britischen Politiker schwebte also immer ein Damoklesschwert. Die Dicke seines Rosshaares bemaß sich an der Beherrschung der „Wogen durch Britannia“, die die conditio sine qua non der britischen wirtschaftlichen Vormachtstellung war.
V) Geopolitik- Die strategische Bedeutung des Mittelmeeres
Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte das Mittelmeer wieder große Bedeutung und wurde zum Schauplatz der Manöver der internationalen Politik (vgl. Mariano 1991:163). Nach dem endgültigen Sturz Napoleons I trug eine ganze Reihe von Ereignissen zur Wiederaufwertung des alten, strategischen Zentrums der Welt bei (vgl. ebd.). Der Westen des Mittelmeeres erlebte ein Erstarken der französischen Kriegs- und Handelsflotte, während der Osten durch das Vordringen Russlands an die Gestade des Mittelmeeres gekennzeichnet war (vgl. ebd.).
Die Lage im Osten des Mittelmeers beschreibt Friedrich Engels in einem in der New-York Daily Tribune am 12. April 1853 erschienenen Leitartikel mit dem Titel „Worum es in der Türkei in Wirklichkeit geht“:
„Ist aber anzunehmen, daß diese (Russland) bis ins Riesenhafte gewachsene und ausgedehnte Großmacht auf halbem Wege stehen bleiben wird, wenn sie schon auf dem Wege ist, ein Weltreich zu werden? [...] Durch die Annexion Griechenland und der Türkei gewinnt sie ausgezeichnete Seehäfen, und die Griechen beliefern sie mit geschickten Seeleuten für ihre Kriegsflotte. Durch die Gewinnung von Konstantinopel steht sie an der Schwelle zum Mittelmeer; durch den Besitz von Durazzo und der albanischen Küste von Antivari bis Arta ist sie direkt im Mittelpunkt der Adria, in Sichtweite der britischen ionischen Inseln und 36 Stunden Dampferfahrt von Malta entfernt“ (Engels 1991: 25).
Die kommerzielle Bedeutung der Dardanellen und des Bosporus machten sie gleichzeitig auch zu militärischen Positionen ersten Ranges (vgl. ebd.). Hier zeigt sich bereits der Zweiklang britischer Außenpolitik aus Handelsinteressen und militärischen Notwendigkeiten, der maßgeblich zum Untergang des Königreiches beider Sizilien beitragen sollte.
Doch den größten Anteil an der wiedergewonnenen Bedeutung des Mittelmeeres trug der Süden mit der baldigen Eröffnung des Suezkanals (vgl. Mariano 1991:163). Dem Suezkanal[10] kam als Verbindungsweg nach Indien zentrale strategische Bedeutung zu (vgl. ebd.). Großbritannien hatte gleich ein doppeltes Interesse am Suezkanal. Vorwiegend war das Interesse kommerziell motiviert, da der britische Handel circa 82% des Durchgangsverkehrs durch den Kanal betrug (vgl. Bierschenk 1977:4). Ferner bestand ein politisches Interesse, da der Kanal die Hauptverbindungslinie nach Indien, Ceylon, der Straße von Singapur und Britisch-Burma darstellte, wo etwa 250.000 Menschen unter der britischen Herrschaft lebten (vgl. ebd.). Des Weiteren diente er als Verbindung nach China, wo 84% des Außenhandels von Großbritannien kontrolliert wurden (vgl. ebd.).
Auch wenn die beiden Mächte Frankreich und Großbritannien sich einig in der Verhinderung einer jedweden russischen Expansion waren, so standen sie sich doch mehr oder weniger feindlich gegenüber (vgl. ebd.). Der politische Ehrgeiz Napoleons III bedrohte englische Interessen. Als die Franzosen mit dem ersten Kriegsschiff aus Stahl, der Gloire, noch vor den Engländern aufwarten konnten, verstärkte England seine Bemühungen nicht ins Hintertreffen zu geraten. Unter der Federführung des Admiral Lalande wurde die französische maritime Politik zur Bedrohung Englands. Aceto beschreibt in seinem Werk „De la Sicile et des rapports avec l´Angleterre“ Sizilien als den strategisch wichtigsten Punkt des ganzen Mittelmeeres (vgl. Internetquelle VII.). Des Weiteren unterstreicht er den britisch-französischen Antagonismus um die Insel:
„La Sicile était en effet pour elle (Großbritannien), non seulement un point important qu´elle devait empêcher a tout prix dans les mains des Français qui la menaçaient continuellement du bord oppose, mais encore le centre de toutes ses opérations militaires et politiques dans la Mediteranee et l´Italie“ (vgl. Aceto 1827 :103).
England besaß im Mittelmeer neben den Häfen, die ihnen von kleineren Mächten zur Verfügung gestellt wurden, die Stützpunkte Gibraltar, Malta und die ionischen Inseln (vgl. Mariano 1991:165). Im westlichen Teil des Mittelmeeres geriet England ins Hintertreffen und so kam der strategischen Mitte erhebliche Relevanz zu (vgl. Mariano 1991:165). Der neuralgische Punkt war um 1860 die Insel Sizilien, deren zentrale geographische Lage sie zum Schlüssel des ganzen Mittelmeeres machte (vgl. ebd.). Um Sizilien treffen das westliche und östliche Becken des Mittelmeeres aufeinander und der Besitzer dieser Insel kontrolliert sowohl den Stretto, als auch den Kanal (vgl. ebd.).
Wie hoch das Interesse England an Sizilien war, zeigt die Zahl der britischen Vizekonsulen auf der Insel. Neben dem eigentlichen Konsul Godwin waren elf weitere Vize-Konsule auf Sizilien (vgl. ebd.:167). Aufgrund des enormen strategischen Wertes der Insel unterstütze England die italienische Einigung. Mariano konstatiert, daß die Briten in Wirklichkeit in der entscheidenden Phase der italienischen Einigung nicht ethnischen Prinzipien gefolgt sind, sondern strikt antifranzösisch gehandelt haben (Mariano 1991:177). Die folgende Karikatur unterstreicht den britisch-französischen Gegensatz um Sizilien.
|
Abbildung III: Der britisch-französische Antagonismus um Sizilien |
![]() |
| Quelle: Spellanzon 1960:827 |
Welche Bedeutung Sizilien in den Augen der Briten zukommen mußte, lässt sich erahnen, wenn man die Äußerungen über die ionischen Inseln betrachtet, die lediglich militärischen, aber keinen wirtschaftlichen Stellenwert besaßen. 1860 äußerte sich Admiral Martin wie folgt:
„I believe it would be wise to give the Ionian Islands to Greece, or to any other European power except France. But rather than allow them to fall under France, I would fortify Corfu and hold it: at any until possession of Candia be obtained for England” (vgl. ebd.).
Am 27.10.1860 schickte Lord Russel ein denkwürdiges Telegramm an Hudson, den englischen Botschafter in Turin:
“Die Regierung ihrer Majestät muß anerkennen, daß die Italiener ihre eigenen Interessen am besten beurteilen können. Nach der Vielzahl der Ereignisse, denen wir beigewohnt haben, fällt es schwer zu glauben, daß der Papst und der König beider Sizilien die Herzen ihrer Völker besitzen. Die Regierung ihrer Majestät sieht keinen Grund, wie der strenge Tadel Österreichs, Frankreichs und Preußens anlässlich der Unternehmungen des Königs von Sardinien zu rechtfertigen wäre. Die Regierung ihrer Majestät zieht es vor, der glücklichen Perspektive eines Volkes entgegen zu sehen, das sich das Gebäude der eigenen Freiheit errichten kann und seine Unabhängigkeit festigt“ (Agrati 1937:533).
Diese Unabhängigkeit bedeutete natürlich für Frankreich eine neue Herausforderung entlang seiner maritimen Grenzen. Durch die Notwendigkeit den neuen italienischen Staat im Auge zu behalten, mußte sich zwangsläufig der französische Druck in andere Richtungen verringern (vgl. Mariano 1991:178)
Wie sehr die Regierung ihrer Majestät die „Unabhängigkeit“ der Italiener respektierte, zeigen die Vorfälle um die Insel Sardinien. London befürchtete, daß die italienische Regierung dem Papst im Tausch für den Kirchenstaat die Insel Sardinien offerieren würde. Da der Papst jedoch ein sehr gutes Verhältnis zu Frankreich unterhielt, stemmte sich England mit aller Kraft gegen diesen Schritt (vgl. ebd.:178). Lord Palmerston reagierte schroff auf dieses Vorhaben:
„L´Inghilterra si opporrebbe strenuously ad una simile estensione dell´influenza francese in questo mare.”( vgl. ebd.)
VI: Die Konflikte zwischen dem Königreich beider Sizilien und Großbritannien
“In Kenntnis der dickköpfigen Zähigkeit der Briten und ihrer Leidenschaft überall auf der Welt Inseln zu sammeln, wäre sicherlich ein ernster Konflikt entstanden“ (De Biase 2002:27).
Die enorme strategische Bedeutung der Mittelmeerinseln wird am Beispiel des Streits um die Vulkaninsel u´bummuluni, wie sie im Dialekt der sizilianischen Fischer heißt, deutlich. Die Nomenklatur der Insel fällt nicht leicht, da gleich drei Mächte Anspruch auf diese Insel erhoben und sich dies auch in der Namensgebung niedergeschlagen hat. Die Insel wird auch als Insel der sieben Namen bezeichnet: Sciaccia, Nertita, Corrao, Hotham, Julie, Graham und Ferdinandea. Am 2. Juli 1831 kam es bei Sacco del Corallo, quasi in der Hälfte der Distanz zwischen Sciaccia und der Insel Pantelleria, zu einer gewaltigen Unterwasserexplosion. Nach der Explosion stieg eine 63 Meter hohe, 4,5 Kilometer lange und 2 Kilometer breite Insel aus den Fluten empor. Dieser Insel kam ein hoher strategischer Wert als militärischer Vorposten zu (vgl. Internetquelle VIII: ). Die Lage der Insel weckte sofort Begehrlichkeiten:
„Closer to Europe than Malta, Graham Island was a perfect point to control commercial and military sea traffic in the major Mediterranean shipping lanes (vgl. The Indipendent, 26.09.2001).
Von Malta aus wurde die Rapid unter dem Kommando von Charles Henry Swinburne zu der Insel entsandt. Im Namen ihrer Majestät wurde die Insel dem britischen Empire einverleibt. Humprey Senhouse landete mit sieben Matrosen auf der von Schwefelschwaden bedeckten Insel und hisste auf der höchsten Erhebung den Union Jack (vgl. Internetquelle IX). Die Insel wurde auf den Namen Graham[11] getauft. Das Hissen des Union Jack empfand Ferdinand II als beleidigenden Akt und Verletzung des internationalen Rechts[12]. Die Insel befand sich eindeutig in bourbonischem Gewässer, da sie ein Bestandteil des geographischen und geomorphologischen Ganzen der Inseln Pantelleria, Lampedusa und der anderen bourbonischen Inseln war (vgl. ebd.). Am 17. August erließ Ferdinand II ein königliches Dekret, in dem er die Insel für das Königreich beider Sizilien in Besitz nahm. Die Insel wurde Ferdinandea getauft, da das Eintreffen des Königs Ferdinands II auf Sizilien mit dem geologischen Ereignis zusammentraf. Die Etna wurde mit Kartographen an Bord entsandt, um die Insel in die bourbonischen Seekarten aufzunehmen. Die neapolitanischen Soldaten warfen den Union Jack ins Meer (vgl. Internetquelle IX). Wenig später landeten die beiden Franzosen Constant Prevost (Geologe) und Eduard Joinville (Maler) auf der Insel und tauften sie in Anlehnung auf den „Geburtsmonat“ der Insel ihrerseits Giulia / Julie (vgl. Internetquelle X). Die Eindrücke des Malers Antoine Eduard Joinville von der Insel können heute im Luovre bestaunt werden (L´ile de Julia).
England, Frankreich und das
Königreich
beider Sizilien stritten sich vehement um den Besitz der Insel. Die
territorialen
Forderungen machten einen drohenden casus belli wahrscheinlich.
|
Abbildung IV: Die Insel Ferdinandea |
![]() |
| Quelle: Internetquelle XI |
In diesem Streit wurde deutlich, daß sich Ferdinand II energisch gegen jegliche Beschneidung seiner Souveränität wehrte (vgl. Selvaggi 1996:17). Während der Konflikt weit entfernt von einer Lösung war, beseitigte Gott Neptun diesen Apfel der Zwietracht und die Insel versank wieder in den Fluten.
“In diesem gespannten diplomatischen Klima wurde das Verschwinden der Insel nicht nur aus geologischem Gesichtspunkt als Gegen-Wunder gesehen“ (vgl. Internetquelle IX).
Domenico Macaluso konstatiert ebenfalls das „friedenserhaltende Verschwinden“ der Insel:
„Aber das Meer beschwichtigte die Gemüter der Rivalen. Um einen passenden Euphemismus zu gebrauchen: Es wurde Wasser aufs Feuer geschüttet“ (Internetquelle XII).
Filippo D´Arpa publizierte ein Buch mit dem Titel „L’isola che se ne andò“, das eine Metapher auf die Lächerlichkeit der Macht darstellt. Die Lächerlichkeit beziehe ihre innewohnende Komik aus der Tatsache, daß es wegen eines völlig wertlosen Felsen fast zum Krieg zwischen England, Frankreich und dem Königreich beider Sizilien gekommen wäre
(vgl. Internetquelle XII). Aus diesem Vorfall um eine „Eintagsfliegen-Insel“ lässt sich der Stellenwert Siziliens ermessen. Wenn schon ein schroffer, von Schwefelschwaden in gelblichen Nebel gehüllter Felsen fast zur Ursache eines Kriegs geworden war, können die im folgenden beschriebenen Sachverhalte um eine ebenso kommerziell, wie strategisch wichtige Insel nicht verwundern.
Exkurs:
Das Abkommen von Montego Bay, das 1982 getroffen wurde, weist die Besitzrechte an Ferdinandea Italien zu. Die Insel Ferdinandea liegt auf der kontinentalen Plattform Italiens, die bis 200 Meilen vor die italienische Küste reicht (vgl. Internetquelle IX). Und trotzdem wurden im Jahr 2000, als heftige seismische Aktivitäten das Wiederauftauchen der Inseln ankündigten, prompt britische Ansprüche laut. In der britischen Presse erschienen Artikel mit folgender Head-Line: „A long vanished piece of the British Empire is about to resurface“ (vgl. ebd./ Internetquelle XIII). Nach den erneuten britischen Forderungen setzte sich eine Vielzahl von italienischen Rechtsexperten mit diesem Thema auseinander.[13]
Der Herzog von Kalabrien, Prinz Carlo di Borbone, übergab am 10. November 2000 in einer feierlichen Zeremonie die Insel dem sizilianischen Volk (vgl. IX.). Unter Wasser wurde ein Gedenkstein mit folgender Inschrift angebracht:
„Questo lembo di terra, una volta isola ferdinandea, era e sera sempre del popolo siciliano.”(Diesel Zipfel Erde, der einmal die Insel Ferdinandea war, war und wird immer dem sizilianischen Volke gehören) (vgl. ebd.).
|
Abbildung V: Der Gedenkstein zu Ehren des sizilianischen Volkes |
![]() |
| Quelle: Internetquelle XII |
Nur wenig später wurde der Gedenkstein zerstört. Die Fischer in diesen Gewässern sprachen von der Präsenz eines ihnen unbekannten Kriegsschiffes (vgl. ebd.). Am 06. September erhob Felice Cavallaro im Corriere delle Sera den Vorwurf, daß der britische Secret Service den Stein zerstört habe (vgl. ebd.). Der Streit schwelt also nach 172 Jahren immer noch.
Im Winter 1835 verliebte sich der Bruder Ferdinand II, der Prinz von Capua, in eine hübsche Irin namens Penelope Smith (vgl. Acton 1962:115). Am Geburtstag des Königs informierte er Ferdinand II über seine Heiratspläne. Ferdinand II machte mit allem Nachdruck deutlich, daß er der Ehe mit einer Bürgerlichen in keinem Falle zustimmen würde (vgl. ebd.:116). Nach einem heftigen Streit ergriff der Prinz von Capua in Begleitung seiner späteren Frau die Flucht. Am 12. März 1836 erließ Ferdinand II ein Dekret, daß kein Mitglied der königlichen Familie ohne seine Erlaubnis das Land verlassen darf und daß eine Heirat ohne den Segen des Königs als nicht gültig betrachtet wird (vgl.ebd:117). Der König begründete sein Vorgehen damit, daß er die notwendige Autorität ausüben müsse, um den Glanz des Thrones in seiner Reinheit zu bewahren (vgl. ebd.). Temple schrieb an seinen Bruder Palmerston am 04.April 1836:
„Auch wenn eine rechtskräftige Hochzeit vor der katholischen Kirche gefeiert würde, bliebe die Ehe ohne Wert, was die bürgerlichen und politischen Rechte betrifft, sprich Frau Smith könnte weder den Titel, noch den Namen des Prinzen Carlo tragen und ihre Kinder würden nicht als Mitglieder der königlichen Familie betrachtet“ (vgl. ebd.).
In der Zwischenzeit hatte Carlo Penelope in Gretta Green geheiratet. Doch Ferdinand II blieb unversöhnlich. Später forderte er, daß Carlo die Heirat als „a la main gauche“ auffassen, auf seinen Titel verzichten und nach Brünn ins Exil gehen solle (vgl. ebd.: 122). Palmerston ergriff für den Prinzen und seine Frau Partei, um daraus politisches Kapital zu schlagen (vgl. ebd.:123). Er stellte den nach England geflohenen Prinzen unter seinen Schutz (vgl. Curato 1989: 42). Palmerston bezeichnete das Verhalten Ferdinands als kleinlich, armselig, grausam und rachsüchtig (vgl. Campolieti 2002:123.). Er verurteilte mit allem Nachdruck die Tyrannei Ferdinands gegenüber seinem Bruder (vgl. ebd.:124). Für die zahlreichen Exil-Neapolitaner wurde der Prinz zum lebenden Symbol eines Opfers des Despotismus (vgl. Acton 1962:388).
Die Tatsache, daß Palmerston persönliche und politische Ziele verfolgte, wird vor dem Hintergrund, daß in England ebenfalls ein Royal Marriage Act bestand und heute noch besteht, besonders klar. Die New York Sun zeigt die sich dahinter verbergende Logik auf:
“Wenn England und das englische Volk jemanden eines Deliktes bezichtigen, das sie auch selbst begangen haben, müssen die Alarmglocken klingen. Vor allem wenn sie von Moral sprechen, bedeutet das, daß eine Annexion in Sicht ist“ (De Biase 2002:61).
Die Unterstützung des Prinzen von Capua beschreibt Acton als Beleidigung für Ferdinand II (vgl. Acton 1962:143). Der Prinz von Capua lebte in der Folgezeit London und häufte einen Berg von Schulden an. Palmerston forderte, daß der König die Schuld von 36.000 Dukaten ausgleiche (vgl. ebd.:144). In zahlreichen Philippika unterstützte Palmerston die Forderung, daß Penelope Smith den Titel einer Prinzessin erhält, da sie ja schließlich nur die „Frau ihres Mannes“ sein wolle (vgl. ebd.:148). Des Weiteren machte sich Palmerston dafür stark, daß der Prinz von Capua 4000 Dukaten monatlich erhalten solle. Palmerston beschuldigte Ferdinand II, daß er niemals das Testament seines Vaters veröffentlicht hätte, da er sich heimlich die Carlo hinterlassenen Reichtümer angeeignet hätte (vgl. Campolieti 2002:227). Die Taktik Palmerstons bestand darin, den Hass zwischen den beiden Brüdern immer mehr zu schüren (vgl. ebd.). Der Prinz von Capua wurde zum Etikett der antibourbonischen Propaganda (vgl. ebd.). Wie Palmerston den Vorfall instrumentalisierte wird aus seinen Entgleisungen gegenüber dem neapolitanischen Abgeordneten Versace deutlich:
„Ihr König soll auf der Hut sein. Er ließ seinen Bruder mit so vielen unerfüllten Wünschen und Forderungen von Gläubigern zurück, daß er sich rächen wird. Er erklärt in aller Öffentlichkeit, daß er ein Opfer unsensibler Verwandten ist. Er wird Dinge enthüllen, auch falsche, um die ganze Öffentlichkeit gegen Ferdinand II aufzuwiegeln“ (vgl. ebd.).
Vor dem Hintergrund dieses Streits verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Höfen deutlich (vgl. ebd.:189).
VI.3 Vermengung der persönlichen und politisch-kommerziellen Motive bei Lord Palmerston
Die persönliche Geringschätzung Ferdinands II durch Palmerston ist ebenfalls ein wichtiger Strang im Erklärungsbündel des Untergangs des Königreiches beider Sizilien. Palmerston hegte persönlichen Groll gegen König Ferdinand II, da dieser Carlo die Hochzeit mit Penelope Smith, seiner Nichte, versagt hatte (vgl. De Biase 2002:55). Auch Campolieti verweist auf das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Penelope Smith und Palmerston (vgl. Campolieti 2001:189). Insbesondere in der im Folgenden beschriebenen Krise um den Schwefel sieht Thomson die persönliche Abneigung Palmerstons gegenüber Ferdinand II als eine der treibenden Kräfte (vgl. Thomson 1989:148). Diese persönliche Antipathie, die auf Differenzen bezüglich der Staatsphilosophie beruhte, verhinderte eine Annäherung zwischen beiden Männern (vgl. ebd.:149). Die von Thomson stammende Formulierung des „persönlichen Duells zweier willensstarker Männer“ trifft die innere Dynamik der sich stets verschlechternden Beziehungen zwischen den beiden Staaten (vgl. ebd.). Palmerston verflocht die im Folgenden beschriebene Handelsaffäre mit der Affäre um Penelope Smith und seiner persönlichen Abneigung gegenüber Ferdinand II (vgl. Campolieti 2001:227).
VI.4 Der „Schwefelkrieg“
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte England eine eindeutige Hegemonialstellung auf Sizilien etabliert (vgl. Thomson 1989: 57.). Die ständige englische Präsenz am Hofe beider Sizilien war Mitte des 19. Jahrhunderts schon zur Tradition geworden. An der Seite von Ferdinand IV stand die graue Eminenz John Francis Edward Acton, der eine stark filobritannische Politik betrieb (vgl. De Biase 2002:16). Die Präsenz John Actons am Hofe von Neapel im Verbund mit günstigen Handelsverträgen sicherte die Vorherrschaft Englands im Mittelmeer. Die napoleonische Besatzung des Festlandes ermöglichte Großbritannien die Besetzung der Insel Sizilien (vgl. Thomson 1989:26). Während der napoleonischen Kriege war William Bentinck zwar prima facie für die Sicherung und den Schutz der bourbonischen Dynastie auf Sizilien verantwortlich, doch hinter den Kulissen unterstützte er einen Aufstand mehrerer Barone gegen die Bourbonen und verhielt sich eher wie ein Overlord, als ein Alliierter (vgl. Thomson 1989:147). Zu dieser Zeit wurde sich die Regierung ihrer Majestät auch der enormen strategischen Bedeutung der Insel und des rasch zunehmenden Wohlstandes der Briten bewusst (vgl. ebd.). Nach Kriegsende wurden die britischen Truppen zwar aus Sizilien abgezogen, doch die „virtuelle Hegemonie“ bestand in Form günstiger Handelsverträge weiter (vgl. ebd.). Die Garantien des 1816 firmierten Handelsvertrages sicherten die kommerzielle Kontrolle (vgl. ebd.). Am 26. September 1816 wurde ein Vertrag[14] unterzeichnet, der die Einfuhrzölle britischer Waren in die Häfen des Königreichs beider Sizilien um 10% verringerte (vgl. ebd.:37). Luigi Blanch bezeichnete diesen Vertrag als „Navigation Act in reverse“, da er die britischen Handelsinteressen stark unterstützte und ihnen deutliche Vorteile auf dem sizilianischen Markt verschaffte (vgl. ebd.). Neapolitanische Schiffe konnten demzufolge Sizilien nicht so günstig beliefern wie die britischen (vgl. ebd.). Die Briten wurden nach und nach zur beherrschenden Seemacht in den Gewässern um Sizilien. Waren es 1835 und 1836 noch 23 Schiffe, so waren es 1840 schon 37 (vgl. ebd.:52). Die enorme Nachfragesteigerung nach Schwefel und die Expansionsbestrebungen der britischen Geschäftsleute verstärkten die Notwendigkeit zur Kontrolle Siziliens (vgl. ebd.). Am 21.06. 1821 erklärte Lord Castelreagh im englischen Unterhaus:
„Quant a la nature des relations entre l´Angleterre et la Sicile, quoique le gouvernement eut toujours éprouve une estime et un intérêt véritables pour la nation sicilienne, cependant, ce ne fut pas uniquement pour ce motif que les troupes britanniques furent stationnées dans l´île, ni pour assurer le bonheur du peuple qui l´habitait. Ce ne fut en effet qu´une occupation militaire (Aceto 1827 : 161).
Die Bedeutung des Schwefels
„Die wertvollste Ressource der Insel war der Schwefel, der vier Fünftel der weltweiten Nachfrage befriedigte“ (Acton 1962:140).
Dem Schwefel kam im 19. Jahrhundert die heutige Bedeutung von Erdöl zu (vgl. De Biase 2002: 24). 80% des Schwefels auf dem Weltmarkt stammten aus Sizilien (vgl. ebd.). Del Boca beschreibt die Bedeutung des Schwefels im 19. Jahrhundert sogar mit der des Urans heutzutage (vgl. Del Boca 2003:176). Zur damaligen Zeit wurde der Schwefel zur Herstellung von Schießpulver genutzt. Auf sechs Teile Salpeter kam ein Teil Holzkohle und ein Teil Schwefel (75:12,5:12,5) (vgl. Ortenburg 1986:49).
|
Abbildung VI: Schwefelvorkommen in Sizilien (Insel Vulcano) |
![]() |
| Quelle: Photographie des Verfassers der vorliegenden Arbeit |
Die Nachfrage nach Schwefel stieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer weiter an (vgl. Giura 1973:281). Wie der Export des sizilianischen Schwefels nach England zunahm, wird anhand folgender Grafik deutlich.
|
Abbildung VII: Export des Schwefels nach Großbritannien in Tonnen |
![]() |
| Quelle: Giura 1973:282 |
Die internationale Nachfrage nahm derart zu, daß die bestehenden Schwefelminen den Bedarf nicht mehr decken konnten (vgl. Giura 1973:282). Vor diesem Hintergrund stiegen die Preise enorm an. Der sizilianische Schwefel erreichte 1834 mit 45 tari[15] für einen cantaio seinen Höchststand (vgl. ebd.). 1832 wurden mehr als 400.000 quintali (ein quintalo = zwei Doppelzentner) Schwefel exportiert, was einem Betrag von etwa 1.283.000 Dukaten entsprach. Die Produktion erreichte 1832 900.000 quintali. Das eigentliche Rückrat der sizilianischen Wirtschaft, die Landwirtschaft, hatte unter der Gier nach Schwefel erheblich zu leiden (vgl. Thomson 1989:19). Der Schwefelboom wirkte sich nachteilig auf die Landwirtschaft aus, da viele Arbeitskräfte in die Mienen abwanderten und fruchtbares Land nach Schwefelvorkommen umgegraben wurde (vgl. ebd.). Während neue Mienen wie Pilze aus dem Boden schossen, entstand durch die enorme Nachfrage falsche Sicherheit (vgl. edb.:13). Der Rekordpreis von 45 tari / cantaio sorgte dafür, daß die Produktion immer weiter ausgedehnt wurde. Dies führte dazu, daß die Produktion am Maßstab des Wunschdenkens orientiert wurde und nicht am tatsächlichen Bedarf. Der vorhandenen Schwefel und die Nachfrage klafften allmählich immer weiter auseinander, bis schließlich eine Überproduktionskrise eintrat. In den Bestimmungsländern wurden Depots angelegt, die genug Schwefel für 18 Monate lagern konnten. Die Überproduktion führte zu einem enormen Preissturz (vgl. ebd.:14). Hatte der cantiao Schwefel noch 1833 mit 45 tari seinen historischen Höchstpreis erreicht, so viel er 1836 auf 16,75 und schließlich 1837 auf 13,5 (vgl ebd.).
|
Abbildung VIII: Preis des Schwefels in tari pro cantaio |
|
|
Legende: In Rot sind die Jahre des Schwefelbooms und der anschließende Preissturz gekennzeichnet. Quelle: Giura 1973:285 |
Der Preis fiel ins Uferlose, da die Produktion nicht verringert wurde. Schließlich wurde der Schwefel zwei tari billiger auf den Markt geworfen, als er in den Mienen kostete. Dies führte dazu, daß die Besitzer der Mienen den ohnehin schon kärglichen Lohn der Arbeiter von drei auf zwei carlini reduzierten. Die notwendige Drosselung[16] oder Einstellung des Abbaus blieb nicht zuletzt deshalb aus, da die Besitzer befürchteten, daß die stillgelegten Mienen vom Wasser überflutet würden. Dies ruinierte den Markt völlig. Die Preise fielen so weit, daß 1837 das Unternehmen Verona und Messineo aus Palermo 10.000 cantaia Schwefel für 9,5 carlini anboten, ohne eine Käufer zu finden. Die kapitalarmen sizilianischen Unternehmer mussten oft zu Spottpreisen an wohlhabende englische Unternehmer verkaufen und langsam aber sicher hatte sich eine erdrückende Hegemonialstellung ausländischer Kapitalisten entwickelt. Das „monopolio dell´oro siciliano straniero sulla poverta siciliana“, das Monopol des sizilianischen ausländischen Goldes auf dem Rücken der sizilianischen Armut, wurde errichtet (vgl. Thomson 1898:17). Vom Schwefelboom der Jahre 1832 bis 1834 profitierten vor allem die ausländischen Investoren (vgl. ebd.:15).
|
Abbildung IXa/b: Der Arbeitsalltag der Carusi |
![]() |
![]() |
| Quelle: Internetquelle XIV |
Auf seiner Sizilienreise hatte Ferdinand II das Gebiet der Schwefelminen besucht und ein wüstenhaftes, schmutzig gelbes Gebiet vorgefunden, in dem zu Skeletten abgemagerte Männer und Kinder[17] (die so genannten Carusi) aus den Löchern der Schwefelminen krochen, um ihren König zu sehen (vgl. Campolieti 2001:226). Campolieti vergleicht die Landschaft mit den Höllenkreisen Dantes. Die Luft war schwer und stank (vgl. ebd.). Die Arbeiter riefen ihrem König zu:
„Maiesta, aiutaci, liberaci dai mister che ci affamano“(vgl. ebd.). (Majestät, helfen sie uns, befreien sie uns von den Herren, die uns hungern lassen).
Die ständig steigende Nachfrage nach Schwefel erzeugte kein Interesse, die Bedingungen des Abbaus zu verbessern (vgl. Thomson 1989:8). Acton beschreibt das Verhalten der Engländer folgendermaßen:
„Die Engländer, Besitzer dieser giftigen Hügel, wurden beschuldigt, unangemessene Mittel zum Abbau in den Mienen einzusetzen und sich nur egoistisch bereichern zu wollen“ (Acton 1962:140).
Es wurden Abbautechniken gefördert, die gefährlich und schädlich waren (vgl. ebd.:8). Um 1830 existierten keinerlei Pläne zur Verbesserung des Abbaus, der Einführung von Maschinen oder der Ausbildung von geschultem Personal (vgl. ebd.). Billige Arbeitskräfte und garantierter Export verhinderten das Aufkommen von Eigeninitiative zur Verbesserung der Produktionsbedingungen (vgl. ebd.).
Vor diesem Hintergrund mußte die neapolitanische Regierung so schnell wie möglich eine Lösung finden, um den totalen Zusammenbruch des einst blühenden Wirtschaftszweiges zu verhindern. Des Weiteren mußte erreicht werden, daß die Gewinne auch dem Land zugute kamen, in dem sie erwirtschaftet wurden. Um der Lage in Sizilien Herr zu werden, mussten die materiellen Verhältnisse der Sizilianer verbessert werden. Daher schaffte Ferdinand II die Steuer ab, die die ärmsten Schichten am meisten belastete: Die Steuer auf Mehl (vgl. Curato 1989:42).
Ferdinand II übertrug das Schwefelmonopol an ein französisches Unternehmen namens Taix-Aycard mit Sitz in Marseille (vgl. Del Boca 2003:176). Die neu ausgehandelten Bedingungen waren im Vergleich zu den bisherigen eindeutig vorteilhaft. Im Folgenden sollen einige Artikel aus dem insgesamt 27 Artikel umfassenden Vertrag vorgestellt werden (vgl. Thomson 1989:21):
1) Taix-Aycard verpflichteten sich jährlich die gesamte Produktion des sizilianischen Schwefels aufzukaufen.
2) Um den Überabbau zu verhindern, sollte jeder Mienenbesitzer von dem Unternehmen jährlich 150.000 Dukaten für die Verringerung des Abbaus bekommen. Damit sollte erreicht werden, daß nicht mehr als 600.000 cantaia Schwefel auf den Markt kommen.
3) Die Preise für Schwefel innerhalb der einzelnen qualitativen Abstufungen wurden pro cantaio festgeschrieben.
4) Das Unternehmen erhielt das Monopol für den Abbau des Schwefels für zehn Jahre.
5) Jährlich mußte das Unternehmen 20 Meilen Straßen auf eigene Kosten in Sizilien bauen.
6) Die neapolitanische Marine sollte eine Prämie von 10 grano pro befördertem cantaio erhalten. Ein Drittel[18] des Exports mußte durch die neapolitanische Marine befördert werden.
7) Das Unternehmen mußte jährlich 1000 Dukaten an das Armenhaus des Prinzen von Palagonia bezahlen.
8) In den ersten vier Jahren des Vertrages mußte das Unternehmen die Konstruktion einer Fabrik für die Produktion von acido zolforoso, zolfato di soda und Soda bezahlen. Des Weiteren durften dort nur Sizilianer beschäftigt werden, um die bisher noch unbekannte chemische Industrie auf die Inseln zu bringen und dort durch ausgebildete Fachkräfte zu verankern.
Wenig verwunderlich mag erscheinen, daß die bisherigen Profiteure des Schwefelabbaus, die Engländer und zum Teil auch Franzosen, gegen diesen Vertrag Sturm liefen und von ihren Regierungen Unterstützung forderten. Den ausländischen Forderungen begegnete Ferdinand II mit dem Hinweis, daß bis dato ausländischer Reichtum auf dem Rücken der sizilianischen Armut angehäuft wurde (vgl. Giura 1973: 298). Des Weiteren sah Ferdinand II im neuen Vertrag folgende Vorteile (vgl. ebd.):
1) Die Besitzer der Mienen könnten mit höheren Renditen rechnen.
2) Die Landwirtschaft würde geschützt, da die giftigen Schwefelgase verringert würden.
3) Der Handel und die Industrie würden durch die neu errichtete chemische Industrie einen Aufschwung erfahren.
4) Die Handelsflotte würde durch den gesicherten Transport und die Prämienregelung profitieren.
5) Durch den Straßenbau und die neue chemische Industrie würden neue Arbeitsplätze geschaffen.
6) Durch die Beseitigung der Armut würde sich die Regierungsfähigkeit Siziliens erhöhen und die öffentliche Ordnung könnte leichter aufrechterhalten werden.
7) Durch den ausländischen Kapitalzufluß und die neuen Arbeitsplätze würde Sizilien erheblich profitieren.
Thomson fast die Vorteile des neuen Vertrages folgendermaßen zusammen:
„Not only did the contract offer a solution to the problems of the sulphur industry, but it also addressed the larger questions of Sicilian economic and political conditions. There were provisions for agricultural improvement, the introduction of new industries, technological guidance, and invitations for needed capital. Moreover, the government was in the position to gain from Sicily´s stability and prosperity and would benefit from what amounted to an export duty on sulphur which would facilitate the abolition of the grist tax “(Thomson 1989:23).
Der Druck der ausländischen Unternehmer auf ihre Regierungen wurde trotz der vielen Vorteile für Sizilien immer größer. England griff den Vertrag aufs Schärfste an, da der französische Handel bevorzugt und der englische benachteiligt würde. Hieran wird die Bedeutung des folgenden bei Thomson formulierten Sinnspruches deutlich:
Let but a hand of violence be laid upon an English subject, and the great British lion, which lies couchant in Downing Street, begins to utter menacing growls and shake his invincible locks (vgl. Thomson 1989:57).
Des Weiteren würde der Vertrag einen eindeutigen Bruch des 1816 unterzeichneten Vertrages darstellen. Doch die Regierung des Königreichs beider Sizilien blieb unnachgiebig und wies mehrmals darauf hin, daß man nichts anderes als freien Handel wünsche und lediglich verhindern wolle, daß eine Handvoll Engländer allein die Früchte eines Monopols ernteten. Als der Vertrag in Kraft trat, wollte sich England jedoch nicht damit abfinden. Palmerston übte Druck auf den neapolitanischen Gesandten in London, Graf Ludolf, aus, indem er ihm offizielle Schritte androhte. Des Weiteren wies Palmerston darauf hin, daß unter diesen Bedingungen der gemeinsame Kampf gegen die albanische Piraterie sofort eingestellt würde (vgl. Giura 1973:309). Ferner drohte Palmerston damit, daß alle bilateralen Handelsverträge aufgelöst würden, sollte der Vertrag nicht zurückgenommen werden (vgl. ebd.:310). Anläßlich des Festessens zur Krönungsfeier Königin Viktorias beleidigte Palmerston den Gesandten Neapels schwer, indem er ihm und der Regierung, die er vertrat, unehrenhaftes, unehrliches Verhalten vorwarf (vgl. Curato 1989:43). Am 28.01.1840 schrieb Palmerston an Temple:
„The injury which the sulphur monopoly is occasioning to British merchants is so great that the matter will soon be brought under discussion in Parliament, and unless Her Majesty´s Government are enable without any further delay whatever to announce to Parliament that the monopoly has been put an end to, Her Majesty´s Government will be compelled to take measures which would be very painful to Her Majesty´s Government” (Thomson 1989:75).
Trotz der Vielzahl und Vehemenz der Drohungen ließ sich Ferdinand II nicht einschüchtern:
„Ich bleibe Herr in meinem Haus. Ich realisiere meine Projekte auch, wenn die Engländer meine Hauptstadt mit ihrer Flotte bedrohen“ (vgl. Curato 1989:44).
Ferdinand II ließ die britische Regierung wissen, daß die Klausel der nazione piu favorita aus dem Vertrag von 1816 ihn nicht von der Pflicht entbinde zum Wohle seiner eigenen Untertanen zu handeln. Doch Palmerston antworte in einer sehr deutlichen Depesche, daß die englische Regierung keineswegs damit einverstanden sei. Palmerston negierte die Aussage Ferdinands II, daß ein Staat nicht Privilegien und Immunität an Ausländer vergeben könne, die über die der eigenen Untertanen hinausgehen (vgl. Giura 1973:312). Palmerston mahnte:
“In Ländern, in denen die Regierung willkürlich und despotisch ist und keiner Verantwortung oder Bremse unterworfen ist, kann es geschehen, daß Launen, der Mangel an politischen Kenntnissen, das Vorurteil, das private Interesse oder ein schlechter Einfluß verursachen, daß ein ungerechtes und unpolitisches Dekret erlassen wird, das dem Volke dieser Staaten großen Schaden zufügt [...]“ (vgl. ebd.).
Der Konflikt spitzte sich zu. Ab dem 17. April 1840 enterten britische Schiffe die neapolitanischen. Der Konteradmiral Winnington-Ingram schildert in seinem Werk „Hearts of Oak“, wie die englischen Schiffe operierten: Die Talbot lief mit dem Befehl aus Corfu aus,
neapolitanische Schiffe zu entern. Sie hisste die österreichische oder neapolitanische Flagge, um möglichst nahe und unerkannt an die neapolitanischen Schiffe heranzukommen (vgl. Acton 1962:151). Unter dem Kommando von Admiral Stafford wurde die englische Flotte in den Golf von Neapel geschickt, um dort die Ein- und Ausfahrt in die Häfen zu blockieren (vgl. De Biase 2002:26). Mit der Auseinandersetzung ging England von der informellen Kontrolle zur Gunboat diplomacy über (vgl. Thomson 1989:1). Ferdinand II unternahm seinerseits Vorkehrungen für den Kriegsfall und setzte 12.000 Mann nach Sizilien in Marsch. Im Brustton der Überzeugung erklärte er, daß er auch wenn es seinen Tod bedeuten würde, nicht nachgeben werde, da er im Recht sei (vgl. Acton 1962:149). Wie hartnäckig er den englischen Drohungen widerstand wird aus folgendem Satz deutlich:
„Es gab eine Zeit, da brachte Neapel ganz Europa zum Zittern. Ich sage ja nicht, daß es auch heute noch zittern muß. Aber wir müssen daher noch lange nicht deswegen zittern“(vgl. ebd.).
Die Höfe in Russland, Preußen und Österreich versuchten den drohenden Krieg zu verhindern. Der Handelskrieg war nur einen Schritt weit davon entfernt, sich zu einem richtigen Krieg auszuweiten (vgl. Del Boca 2001:64). Metternich konstatierte, daß niemand wolle, daß der Schwefel des Ätna ganz Italien in Flammen setzten würde (vgl. ebd.). Ferdinand II mußte den Vertrag zurücknehmen und die englischen Händler für den erlittenen Verlust entschädigen. Am 21. Juli 1840 wurde ein neuer Vertag unterzeichnet, der den status quo ante praktisch wieder einführte (vgl. ebd.:64).
Del Boca sieht als Konsequenz aus diesem Handelskrieg, daß die Freundschaft und das Vertrauen zwischen den beiden Staaten ein für allemal zerstört war (vgl. ebd.). Der heftige Streit konnte zwar auf dem Papier beigelegt werden, doch als Nachwirkung blieb Groll und Misstrauen (vgl. Del Boca 2003: 177).
Falls die Entscheidung, den Sturz der Bourbonen vorzubereiten, noch ihre letzte entscheidende Bestätigung erhalten mußte, so war dies mit der Schwefelaffäre erfolgt (vgl. ebd.). Es war die Zeit gekommen, alles vorzubereiten und den richtigen Moment abzuwarten (vgl. ebd.).
Vier publizistische Werke[19] haben das Ansehen des Herrscherhauses des Königreiches beider Sizilien nach und nach immer weiter zerstört. Den größten Schaden unter diesen Werken dürften die Letters to Lord Aberdeen aus der Feder von Gladstone angerichtet haben.
“Was ich beschreiben will, hat mit bloßer menschlicher Unzulänglichkeit, Korruption auf niederer Ebene und einem gelegentlichen Übermaße an Strenge nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um die systematische, willkürliche Verletzung des Rechts gerade durch jene Kreise, die über das Recht zu wachen und es zu bewahren berufen sind. Ich will zeigen, wie das humane und verbriefte Recht mit Füßen getreten wird zu dem eindeutigen Zweck, jedes andere und ungeschriebene und ewig feststehende Recht göttlichen wie menschlichen Ursprungs zu brechen; wie die Tugend, sobald sie mit Intelligenz gepaart ist, ohne Unterschied der Verfolgung ausgesetzt ist- und zwar so unbegrenzt, daß man wahrheitsgemäß behaupten kann, daß ganze Stände der Gesellschaft davon betroffen sind. Die Regierung wendet unerbittliche grausame und dabei ganz und gar gesetzwidrige Maßnahmen an, um alles geistiges Eigenleben und jede Einzelinitiative im Keim zu ersticken – mit anderen Worten alles, was auf materiellen Fortschritt und die Verbesserung des Lebensstandards abzielt [....] Die herrschende Macht, die nicht von der Behauptung zurückschreckt, in ihr sei das Ebenbild Gottes auf Erden zu erblicken, ist nach Ansicht der überwältigenden Mehrheit der urteilsfähigen Menschen[20] allen nur erdenklichen Lastern verfallen. Ich habe selbst den leider nur allzu treffenden Ausspruch gehört: „E la negazione di Dio eretta a sistema di governo- Es ist die Verneinung Gottes, die zum Regierungssystem erhoben wurde“ (Hibbert 1970:172)
Lord Morley beschreibt in seiner Biographie wie es zur Entstehung der Letters to Lord Aberdeen kam:
„Gladstone wurde mit seinem brennenden Humanismus unbewusst und unfreiwillig von Italien angezogen. Er fuhr ohne jegliche politische Absichten der Propaganda nach Neapel. Ma c´etait plus fort que lui. Das einzige Gesprächsthema waren die
Prozesse. Temple, Fagan und Giacomo Lacaita[21] öffneten ihm die Augen hinsichtlich der Zustände in Neapel, indem sie ihm schreckliche Geschichten über die Tyrannei der Bourbonen und die barbarische Behandlung der politischen Gefangenen erzählten. Voller Entrüstung wollte er diese Schrecken mit eigenen Augen sehen“ (vgl. Acton 1962:339).
Den Schriften von Nisco ist zu entnehmen, wie sich die Begegnung zwischen ihm als politischen Gefangenen und Lord Gladstone im Kerker von Nisida zugetragen haben soll:
„Wir waren seit einer Woche in Nisida, als der berühmte Staatsmann, der heute Großbritannien regiert, in Begleitung einer jungen Neapolitanerin, aus niedrigem Stande von Geburt, doch von hohem Stande der Seele und der Sitten, Pasqualina Proto, die einen Bruder im Gefängnis von Nisida hatte, der aufgrund von politischen Gründen dort einsaß, unbemerkt dort eintrat. Ohne daß die Wachen Verdacht schöpften, konnten wir mit Gladstone reden (Nisco 1884: 301f).
Gladstone kam nach Neapel, um den Prozessen vor dem Gran Corte Criminale gegen die führenden Köpfe des Aufstandes von 1848 und gegen die führenden Köpfe[22] der Loge der Unita Italiana beizuwohnen. Einige der besten und eloquentesten Anwälte Neapels hatten die Verteidigung[23] übernommen (vgl. Acton 1962:338). Durch das rhetorische Geschick und die zahlreichen Diplomaten im Publikum, die nur zu gerne das hörten, was sie hören wollten, verwandelte sich der Prozess gegen die Angeklagten in einen Prozess gegen die Regierung (vgl. ebd.). Der britische Botschafter Temple wohnte nahezu allen Prozessen bei (vgl. Curato 1989:125). Temple galt unter den Angeklagten als Beschützer und so war es alltäglich, daß sie sich freundschaftliche Gesten zukommen ließen (vgl. Acton 1962:338). Des Weiteren war stets sein Attache Fagan anwesend, der ein enger Freund von Poerio war. Die englischen Diplomaten grüßten die Angeklagten und hatten häufig die Möglichkeit zu Gesprächen (vgl. ebd.). Die internationale Presse nutzte den Prozeß, um das Königreich beider Sizilien weiter zu diskreditieren. Panizzi veröffentlichte den Abschiedsbrief Settembrinis, den er in Erwartung des Urteils an seine Frau geschrieben hatte (vgl. ebd.). Palmerston erklärte, Ferdinand II sei nicht der tyrannischste aller Herrscher, sondern der dümmste (vgl. ebd.:126).
Am 17. Juli 1851 übersandte Gladstone seine Briefe an Lord Aberdeen. Die Briefe wurden in mehrere Sprachen übersetzt und in alle Winkel Europas verbreitet (vgl. Acton 1962:348). Palmerston sorgte dafür, daß alle britischen Gesandten die Schreiben erhielten und die Herrscher und Höfe an denen sie akkreditiert waren, darüber in Kenntnis setzten (vgl. ebd.). Im House of Commons lobte Palmerston den Einsatz von Gladstone überschwänglich:
„Anstatt Zerstreuung zu suchen, in dem er in Vulkane hinabsteigt oder verschütte Städte erkundet, hat er Gefängnisse besichtigt, (...) hat die Fälle der Opfer von Ungerechtigkeiten der Justiz studiert und versucht die öffentliche Meinung in Europa zu informieren“ (vgl. ebd.).
Des Weiteren postulierte Palmerston, daß er die Verbreitung der Briefe voll und ganz unterstütze, da er die Ideen teile und hoffe, daß die Herrscher Europas zugunsten der politischen Gefangenen Neapels intervenieren werden (vgl. ebd.). Während Gladstone über Nacht zur Symbolfigur des Liberalismus und zum Säulenheiligen der Exil-Italiener wurde, wurde das Königreich beider Sizilien immer mehr zum Inbegriff des Schreckens auf Erden.
Heute weiß man, daß Gladstone weder ein Gefängnis von innen gesehen, noch mit Gefangenen gesprochen hat (vgl. Alianello 1998:14 /21). 1888 kehrte Gladstone unter tosendem Beifall der liberalen Partei nach Neapel zurück. In diesen Kreisen wurde er für seine Letters to Lord Aberdeen beglückwünscht, die der Revolution so einzigartig geholfen haben. Gladstone gestand daraufhin, daß er im Auftrage Lord Palmerstons geschrieben habe, weil die Gelegenheit nach seiner Rückkehr günstig war. Er gab weiterhin zu, niemals einen Fuß in ein Gefängnis gesetzt zu haben und daß er die ihm von Rivoluzionari zugetragenen Aussagen als für mit eigenen Augen gesehen ausgab (vgl. Colacino u.a. 2001 / Nicoletta 2001:29).
Gondon ist ebenfalls zu entnehmen, wie fehlerhaft und künstlich die Briefe aus der Feder Gladstones waren:
„Sie erinnern sich ohne Zweifel, daß in dieser Arbeit alles auf dem ‚man sagt’ beruhe; die schwersten Anschuldigungen hielten die Untersuchung nicht aus“ (Gondon 1856:34).
In einer zweiten von Gladstone publizierten Broschüre nahm er viele seiner Verleumdungen zurück:
„Ich habe nichts erfahren, daß die von mir als wahrscheinlich aufgeführte Aussage bestätigte, daß Settembrini gefoltert worden sei. Ich halte es für meine Pflicht, sie zurückzunehmen“ (Gondon 1856:35).
VI.6) Die Instrumentalisierung der öffentlichen Meinung
Die Bewegung des Risorgimento war nicht zuletzt durch den systematischen Einsatz von Lügen und Propaganda gekennzeichnet. Die hinter diesem gezielten Einsatz von Lügen stehende Taktik beschreibt Jules Gondon wie folgt:
„Um König Ferdinand Sizilien zu entreißen muß man natürlich sein Volk gegen ihn aufbringen und seiner Regierung die Popularität entziehen: Was entfernt ein Volk weiter und diskreditiert einen König mehr als die Lüge?“ ( Nicoletta 2001:115).
Ferdinand II wurde in der Presse zur Personifikation des Teufels (vgl. Curato 1989:73). Er wurde zur dunkeln, bösen Fläche, die den notwendigen Kontrast zu den in gleißendem Lichte glänzenden Helden des Risorgimento bildete (vgl. ebd.). In den Journalen von Turin und London wurde Ferdinand II zum blutigen Caligula (vgl. Gondon 1856:51).
„Ferdinand der Zweite war die Zielscheibe für die Pfeile unserer Patrioten; er war für sie der schlechteste Tyrann Italiens. Seine Schergen wurden Wilde genannt, seine Kerker waren berüchtigt wegen ihrer Abscheulichkeit. Keiner durfte den Mund auftun, sonst wurde ihm ein Maulkorb angelegt.“ (Panzini 1940:260).
|
Abbildung X: Die Schrecken des Jahres 1848 (Ferdinand II in der Mitte der Darstellung) |
![]() |
| Quelle |